Archivschnipsel 5/2019 – Geheimnis eines alten Bildes

Der heutige Archnivschnipsel schweift etwas ab… oder eigentlich auch nicht. Dass die mdr-Orchesterfreunde auf der Suche nach besonderen Archivschnipseln sind, hat sich erfreulicherweise schnell herumgesprochen und so stießen auch Dr. Steffen Lieberwirth und Rüdiger Koch, beide im „Unruhestand“ fleißige Chorchronikverfasser im Netz, auf unsere kleine Rubrik. Zusammen bringen beide die Chorchronik in digitale Form und veröffentlichten bisher allsonntäglich Beiträge auf der Seite Rundfunkschätze. Nun tritt eine Zäsur ein, denn mit dem vorerst letzten Artikel ist die sehr umfangreiche Chronik an einem Punkt angekommen, an dem es einen Einschnitt braucht. Als nächstes steht die Schilderung der allerjüngsten Geschichte des Chores als MDR-Chor an, das bedarf aber umfangreicher Vorarbeit.

Das Orchester ist natürlich mit dieser bereits erschienenen Chorchronik eng verbunden, wird immer wieder erwähnt, aber eine eigene Orchesterchronik gibt es noch nicht. Wir trafen uns neulich und unterhielten uns über vieles, die beiden Herren sind wandelnde Chor- und Orchestergeschichtsbücher! In den Orchesterarchivschränken schlummern viele kleine Einzelteile der Orchestergeschichte in meist analoger Form. Besonders hervor stechen die beiden Festschriften, die „kleine“ Festschrift zum 40jährigen Jubiläum von Willy Pretzsch, basierend auf persönlichen Erinnerungen der Orchesterkollegen und das „große“ Buch der Orchestergeschichte, verfasst von Jörg Clemen und herausgegeben von Steffen Lieberwirth zum 75. Jubiläum. Sie geben einen guten, ersten Überblick. Beides ist allerdings nurmehr antiquarisch zu erhalten.

Wir wollen hier keine Orchesterchronik ins Netz schreiben, sondern wollen im Blog vielmehr punktuell und magazinartig kleine Spotlights auf besondere Ereignisse setzen oder bei uns auftauchende Depotdinge zeigen, wenn es einen aktuellen Bezug dazu gibt. Wie die Zeitreisenden werden wir hier durch fast 100 Jahre Orchestergeschichte streifen, manches mal schon tauchten Fragen oder Anregungen auf unterschiedlichsten Wegen auf, die wir gern hier intensiver aufnehmen, so wie es unsere Zeit zulässt. Herr Koch schickte uns eine kleine Detektivgeschichte, die eng mit dem ersten Orchesterfoto verbunden ist, wir schrieben im ersten Archivschnipsel darüber. Diese dazugehörige Chor-Geschichte zeigt, wie mühsam es manchmal ist, Archivmaterial zu sichten.

Erstes Chorfoto

Wir möchten die Geschichte an dieser Stelle heute gern weitergeben und – *psst oder Tusch einfügen – eine Neuigkeit bekanntgeben: Herr Dr. Lieberwirth und Herr Koch werden uns hier an dieser Stelle als Autoren unterstützen. Wunderbar!

Herzlich willkommen, wir freuen uns sehr!


Das Geheimnis eines alten Bildes – aus der Chorchronik erzählt

Schon häufig hat sich der Zufall als Vater größerer oder kleinerer Entdeckungen erwiesen – so auch bei der Wiederentdeckung der Vorkriegsgeschichte des Rundfunkchores in Leipzig. Als Vorstandsmitglied des MDR Chores machte ich im März 2002 bei Aufräumungsarbeiten im MDR Chorarchiv einen bemerkenswerten Fund: 
Zwischen Heftern und Aktenordnern mit alten Rechenschaftsberichten, Korrespondenzen mit Schallplattenfirmen und anderen Veranstaltern, zwischen Chorkassenunterlagen sowie Urkunden und Medaillen fand sich ein vergilbter Umschlag mit Fotografien.

Eines dieser Bilder zog mich sofort in seinen Bann. Es war vor der Leipziger Alten Handelsbörse aufgenommen worden und zeigte Alfred Szendrei, den musikalischen Chef der Mitteldeutschen Rundfunk-A.-G. (MIRAG) inmitten von 58 Damen und Herren unterschiedlichen Alters.

Die Rückseite der Fotografie war wie folgt beschriftet: 
Nebenamtlicher Rundfunkchor Leipzig 1928 – 1930 unter Alfred Szendrei, aufgenommen vor der ‚Alten Börse‘, in der die Aufführungen stattfanden. 
Max Richter, L.-N 22 Geschw.-Scholl-Str. 12
“.

Sofort kamen mir Passagen aus der Chronik des MDR Sinfonieorchesters und aus der Triangel-Serie über die Geschichte des Sinfonieorchesters in den Sinn, wonach schlüssige Beweise für eine Existenz des Rundfunkchores vor dem Zweiten Weltkrieg fehlen und alle diesbezüglichen Aussagen in das Kapitel einer vagen Vorgeschichte gehören. 
Sollte das Foto ein erster Beweis dafür sein, dass die Wurzeln des Leipziger Rundfunkchores deutlich weiter zurück reichen als bisher bekannt?

Das alte Bild wirkte wie ein Wink aus der Vergangenheit, Licht in das Dunkel der frühen Jahre der Leipziger Rundfunk-Chorgeschichte zu bringen; seine Existenz hat mich bis heute nicht mehr losgelassen. Fragen über Fragen taten sich auf: 
Wer war jener Max Richter, der das Foto jahrelang aufbewahrt hatte und weit nach dem Kriege dem Rundfunkchor übergab? 
Wie hieß der abgebildete Chor? 
Welche Aufgaben hatte er bei der MIRAG zu erfüllen?
Konnte es möglicherweise gelingen, nach so langer Zeit Namen der abgebildeten Chormitglieder zu ermitteln? 
War der Datierung des Bildes durch Richter zu trauen? 
Gab es von diesem Chor eine Entwicklungslinie hin zur Chorgründung des Jahres 1946?

Einige der aufgeworfenen Fragen konnten durch eine genaue Betrachtung des Bildes und eine Deutung der rückseitigen Bemerkungen beantwortet werden. So waren über den angegebenen Ort und über Szendrei als die zentrale Person Zweifel nicht möglich.

Ein ähnliches auf 1926 datiertes Foto zeigt übrigens den Dirigenten, umringt vom Leipziger Sinfonieorchester, ebenfalls vor der Alten Handelsbörse.

Auf Grund der Anzahl der Personen sowie des zahlenmäßigen Verhältnisses zwischen Damen und Herren erschien es als äußerst wahrscheinlich, dass das aufgefundene Foto einen Chor abbildete. Über Max Richter, der dem Chor angehört haben dürfte, konnte mit Hilfe Leipziger Adressbücher und des Melderegisters festgestellt werden, dass er in der Georgstraße 12 gewohnt hatte und von Beruf Taubstummenlehrer gewesen war. Um 1960 verließ er Leipzig in Richtung Hannover, wo sich seine Spuren verlieren. Erst zu Beginn der fünfziger Jahre war die Georgstraße in Geschwister-Scholl-Straße umbenannt worden. Max Richter kann seine Bemerkungen zum Foto also erst mit einem Abstand von etwa 25 Jahren auf der Rückseite des Fotos angebracht haben. 
Wie gut war seine Erinnerung? War seiner Datierung des Bildes auf den Zeitraum 1926 – 1928 zu trauen? Zunächst wurde Max Richters Datierung überprüft.

Sollte das Foto etwa wie das schon erwähnte Bild mit dem Leipziger Sinfonieorchester im Jahre 1926 aufgenommen worden sein? Geringe Unterschiede in Szendreis Kleidung ließen zumindest nicht auf den selben Entstehungstag schließen.

Ein genauer Vergleich der beiden Fotos ergab einen wichtigen Unterschied: 
Während die Alte Handelsbörse auf dem Chorfoto eingerüstet war, fehlte das Gerüst auf dem anderen Bild. Dieses Gerüst lieferte für die Datierung wichtige Anhaltspunkte. Da die Börse ein städtisches Gebäude gewesen ist, das der MIRAG für Sendezwecke zur Verfügung gestellt worden war, lag die Vermutung nahe, dass noch Bauakten existieren könnten. Tatsächlich wurden im Leipziger Stadtarchiv entsprechende Bände gefunden. Für die Szendreis Tätigkeit bei der MIRAG umfassenden Jahre 1924 bis 1931 sind in den Bauakten zur Alten Handelsbörse nur einmal Bauarbeiten an der Fassade des Gebäudes dokumentiert worden. Dazu wurde von der Firma Max Tauer am 20. April 1926 ein Leitergerüst aufgestellt. Die Arbeiten verzögerten sich jedoch, so dass der Inhaber von Max Tauer Nachf. zwei Mahnschreiben an das städtische Hochbauamt sandte. Im zweiten Schreiben vom 1. Juni wird erwähnt, dass bereits die Abdeckbretter abhanden gekommen seien. Auf dem Chorfoto sind diese Bretter jedoch noch vorhanden. 
Das Bild wurde also vermutlich zwischen dem 20. April und Mitte Mai 1926 aufgenommen.

Um die Identitäten der abgebildeten Sängerinnen und Sänger zu ermitteln, wurde das Foto unabhängig voneinander fünf ehemaligen Chormitgliedern des Rundfunkchores Leipzig vorgelegt. Alle zeigten spontan auf den selben jungen Mann, den siebenten Herrn von links in der letzten Reihe, der so freundlich und selbstbewusst in die Kamera schaute. Alle äußerten beinahe mit identischem Wortlaut: „Aber das ist doch Dr. Weise!

Weise war von 1955 bis 1960 Sänger im Leipziger Rundfunkchor. An seinen Vornamen konnte sich keines der ehemaligen Mitglieder erinnern, doch war es ein Leichtes, anhand von erhalten gebliebenen Anwesenheits- und Auszahlungslisten diesen mit Helmuth festzustellen. So war es möglich, seine Dissertation in der Deutschen Bücherei ausfindig zu machen, der entnommen werden konnte, dass er als Alumnus die Leipziger Thomasschule besucht hatte, also Mitglied des Thomanerchores gewesen war. 
Ihn noch unter den Lebenden zu finden, war bei seinem Geburtsjahr 1902 wohl nicht zu vermuten. Vielleicht konnte es jedoch gelingen, Nachkommen ausfindig zu machen! Auch hier war wieder der Zufall hilfreich zur Stelle: Ein pensionierter Sänger des MDR Rundfunkchores, dem das alte Bild ebenfalls vorgelegt worden war, berichtete, dass er mit Weises Tochter nicht nur im selben Haus, sondern auch auf der selben Etage wohne. Es waren kurioserweise Haus und Wohnung, in der Weise mit seiner Familie etwa ab 1930 gewohnt und in dem schon Weises Ehefrau das Licht der Welt erblickt hatte.

Ein Treffen mit Dr. Weises Tochter war schnell arrangiert. Im Nachlass des Sängers befanden sich biografische Angaben, die seine Mitgliedschaft in Szendreis Chor, der Leipziger Oratorienvereinigung, bestätigten, sowie ein weiterer Abzug des im März gefundenen Chorfotos. 
Weise hatte in seiner Gewissenhaftigkeit folgende Angaben auf der Rückseite des Bildes angebracht: 
Die Leipziger Oratorienvereinigung vor der Alten Börse (Naschmarkt) – 1. Mai 1926 etwa 60 Mann; Leiter: Alfred Szendrei

Somit konnte unverhofft die Datierung des alten Bildes bestätigt und sogar noch konkretisiert werden. Der bisher anonyme Chor hatte einen Namen erhalten: die Leipziger Oratorienvereinigung. Damit waren die Nachforschungen einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Es ergab sich eine Verbindung von den Anfängen des Leipziger Rundfunk-Chorwesens hin zur Werléschen Neugründung des Jahres 1946.

Welche Funktionen hatte nun die Leipziger Oratorienvereinigung bei der MIRAG zu erfüllen, welches war ihr Repertoire, wann wurde sie gegründet, und wie entwickelte sie sich weiter? 
Von welchen Zielen sich Szendrei bei der Schaffung seines Chores leiten ließ, äußerte er selbst in seinen Lebenserinnerungen (TRIANGEL 2/1998 – 7/1998). 
Darin beschreibt er auch das Repertoire des Chores für die ersten beiden MIRAG-Spielzeiten, was bedeuten musste, dass die Leipziger Oratorienvereinigung schon 1924 oder 1925 gegründet worden war. Die Lebenserinnerungen enthalten auch detaillierte Angaben über das Repertoire des Chores, die anhand der Programmeinträge in zeitgenössischen Programmzeitschriften, insbesondere in der Leipziger „Die Mirag“, vollauf bestätigt werden konnten.

Übrigens fand sich das Chorfoto vom 1. Mai 1926 im Juni 1926 auch in der Rundfunkzeitschrift „Mirag“. Der Chor wurde hier ebenfalls Leipziger Oratorienvereinigung genannt. Zu diesem Zeitpunkt der Nachforschungen über die Leipziger Rundfunk-Chorgeschichte gab es zwei gesicherte Brückenköpfe: die Existenz der Leipziger Oratorienvereinigung etwa 1924/25 und die Neugründung des Leipziger Rundfunkchores 1946. Von beiden Punkten aus wurde im Folgenden der Bogen geschlagen, in der Hoffnung, dass sich die beiden Brückensegmente in der Mitte fänden. Hoffnungsvoll stimmte, dass zwischen dem Personalbestand des neu gegründeten Chores von 1946 und dem stillgelegten Chor des Reichssenders Leipzig von 1941 zahlreiche personelle Entsprechungen festgestellt werden konnten.

Rüdiger Koch 2004

In der Chronik des Leipziger Rundfunkchores auf den Seiten der Rundfunkschätze kann die weitere Entwicklungsgeschichte des Leipziger Rundfunkchores über die Stufen Leipziger SolistenchorChor des Reichssenders LeipzigReichs-Bruckner-Chor bis hin zur Neugründung im Jahr 1946 – und weiter bis in das Jahr 1991 – verfolgt werden. So wird 2024 neben dem Mitteldeutschen Rundfunk und dem MDR-Sinfonieorchester auch der MDR-Rundfunkchor 100 Jahre alt.

Rüdiger Koch 2019

Dienstags ist der #Depotdienstag der Museen, wir zeigen Schnipsel, die uns in unserem Archiv in die Hände fallen, aber auch Schnipsel, die mdr-Orchesterfreunde zu uns bringen. Deshalb unsere Frage an Sie: Haben Sie Erinnerungen zu Hause? Haben Sie Geschichten zum Orchester zu erzählen? Schreiben Sie uns oder erzählen Sie es uns (…möglichst so, dass wir es uns merken können, also am besten vor einem Mikrofon.)! Wir sind sehr neugierig…

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