Als würden die Tiefen der Seele von Sonnenstrahlen erwärmt werden

Seit der Saison 2020/21 füllt Muriel Razavi die Position der Stellvertretenden Soloviola im MDR Sinfonieorchester aus. Doch nicht nur als Musikerin ist die gebürtige Freiburgerin umtriebig unterwegs, sondern hat u.a. auch BWL, Geschichts-, und Kulturwissenschaften studiert. Eine  beeindruckende Vita einer vielseitigen jungen Frau, die wir den Orchesterfreunden hier näher vorstellen möchten.

Muriels erste musikalische Schritte mit der Blockflöte

Ihre musikalische Laufbahn begann Muriel ganz klassisch mit der Blockflöte, die sie noch immer zu schätzen und darüber zu berichten weiß: „Ich muss gestehen, dass die Blockflöte heute immer noch zu meinen Lieblingsinstrumenten gehört, auch wenn das bei einigen (wie z.B. bei meinem Mann) auf Unverständnis stößt.“ Später brachte sie ihre Mutter zum Tag der offenen Tür der Musikschule in Freiburg, wo sie offenbar hoffte, dass sich ihre Tochter für das Klavier begeistern würde. Deren Wahl fiel jedoch auf die Geige. „Ich wurde Schülerin von der wundervollen Frau Ute-Christine Elfert, die mich die Musik und später auch das Bratschenspiel lieben lehrte – wofür ich ihr sehr dankbar bin!“, schwärmt die Bratscherin mit U.S.-amerikanisch-iranischen Wurzeln.

Sie gibt jedoch zu, dass es ursprünglich kein Herzenswunsch von ihr war Bratschistin zu werden. Dass sie schließlich doch Musik studierte, lag unter anderem daran, dass sie ihren heutigen Ehemann (der Sologeiger Tobias Feldmann) schon im Bundesjugendorchester kennenlernte und sowohl er, als auch viele gemeinsame Freunde das Musikstudium begonnen. Rückblickend meint sie dazu: „Das motivierte mich schon sehr und so bewarb ich mich auch und studierte Bratsche.“

Sie arbeitete in der folgenden Zeit mit namenhaften Lehrenden wie Prof. Tabea Zimmermann, Prof. Nils Mönkemeyer und Prof. Tatjana Masurenko. Im Jahr 2019 schloss sie ihr Masterstudium bei Prof. Wilfried Strehle an der Universität der Künste in Berlin mit Bestnote ab. Muriel nahm erfolgreich an mehreren Wettbewerben teil, gewann den „Washington String Competition“ in Washington D.C. (2018), war Preisträgerin des 11. internationalen „Michael Spisak“ Wettbewerbs in Katowice (2017) und des internationalen Wettbewerbs „Città di Cremona“ des 43. internationalen Viola Kongresses in Cremona (2016). Sie konzertiert bei Festivals, wie dem Schleswig-Holstein Festival, dem Mecklenburg-Vorpommern Festival, dem Rheingau Musikfestival, dem Stavelot Festival in Belgien, dem Yeosu Festival in Südkorea und dem „Semanas Musicales de Frutillar“ in Chile, wo sie auch einen Meisterkurs gab.

Als Kind bei einem Auftritt in der Fußgängerzone

Doch auch in der sogenannten Alten Musik fand und findet sie Erfüllung. Ihre Ausbildung auf der Barockbratsche und in historischer Aufführungspraxis erhielt sie im Rahmen der Akademie des Kammerorchesters „Balthasar Neumann Ensemble“ unter der Leitung von Thomas Hengelbrock und im „Experience Scheme“ des „Orchestra of the Age of Enlightenment“ in London. Zudem spielt sie im Kammerorchester „Le Concert Olympique“ unter der Leitung von Jan Caeyers und im „Il Pomo d´Oro“ Barockensemble.

Doch wäre das nicht schon beeindruckend genug, studierte sie parallel dazu noch BWL und später Geschichts-, und Kulturwissenschaften an der FU und HU Berlin. Seit 2021 ist sie zudem Doktorandin an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg unter der künstlerischen Betreuung von Daniel Barenboim. Fast untertrieben sagt sie dazu selbst: „Ich bin lieber breit aufgestellt und brauche Abwechslung und Ausgleich.“

Und so scheint auch die Antwort auf die Frage nach ihren Leidenschaften jenseits des Berufs nur konsequent: „Meine Leidenschaft ist Geisteswissenschaften – ich promoviere in Musikwissenschaften zum Re-Orientalismus in der Musik bei zeitgenössischen iranischen Komponistinnen und tue das tatsächlich, man glaubt es kaum, leidenschaftlich gerne! Zudem bin ich verrückt nach Kunst und sammle Kunstwerke – hier nutze ich die Gelegenheit zu fragen, ob jemand ein großes Auto hat mit dem ich ein 180x180cm großes Bild aus London abholen fahren kann. Das habe ich mir von meinem allerersten MDR-Gehalt ersteigert und war mächtig stolz. Danach erfuhr ich, dass sich die Transportkosten auf wuchere 2000 Euro belaufen und suche nun seit einem Jahr nach einer günstigeren Lösung.“ Ein charmantes Gesuch, das wir an dieser Stelle gerne unterstützen wollen.

Muriel Razavi engagiert sich für verschiedene Musikrichtungen unterschiedlicher Epochen und Kulturen

Ebenso bezaubernd berichtet sie über ihr bisher prägendstes künstlerisches Erlebnis. „Die Erfahrung, die mein Denken veränderte und meine ‚Fühler‘ für die Musik maßgebend sensibilisierte, war im Streicherensemble bei der Seiji Ozawa Academy 2015. Ich hatte das große Glück für diese wunderbare Kammermusikakademie ausgewählt worden zu sein und in dem Jahr war sogar ein Filmteam dabei, das eine Dokumentation darüber drehte. Es war ihnen möglich etwas von dieser unbeschreiblich magischen Stimmung einzufangen, als wir das erste Mal mit Seiji Ozawa den Quartettsatz op 135 von Beethoven erarbeiteten. Da schwebte etwas in dem Raum – jede/r war mit ganzem Herzen bei der Musik und gab in den Minuten alles was er/sie zu geben fähig war – es war als würden die Tiefen der Seele von Sonnenstrahlen erwärmt werden. Wir Muszierende, aber auch das Kamerateam, hatten alle mit den Tränen zu kämpfen – das war das erste und bisher letzte Mal in meinem ganzen Privat-, und Berufsleben, dass ich mehr als nur die messbare und sichtbare Welt vernahm.“

Ihre Leidenschaft für Kammermusik und Kammerorchesterspiel bescherte Muriel bereits internationale Tourneen und Projekte. So spielte sie unter der Leitung von Wolfgang Emanuel Schmidt und dem Metamorphosen Kammerorchester eine CD für Sony Classical ein und war Stimmführerin im West Eastern Divan Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim, sammelte aber auch Erfahrungen in namenhaften Deutschen Orchestern wie der NDR Elbphilharmonie Orchester Hamburg, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, den Münchner Philharmonikern, dem HR-Sinfonieorchester Frankfurt und der Kammerphilharmonie Bremen.

„Ich bin lieber breit aufgestellt und brauche Abwechslung und Ausgleich“ sagt die Bratscherin Muriel Razavi

Seit Jahren arbeitet die junge Bratscherin zudem an innovativen Musikkonzepten zur Förderung iranischer Komponierender in der zeitgenössischen klassischen Musik und war damit Finalistin des Fanny-Mendelssohn Förderpreises, des Goodmesh Competitions und erst kürzlich des VAN/BPFYA Wettbewerbs in Berlin.

Bei einem Leben mit so viel Musik, drängt sich die Frage auf welchen Komponisten Muriel am liebsten mag. „Ich vergöttere J.S. Bach und bewundere Felix Mendelssohn zutiefst. Ich kann gar nicht sagen welches Werk ich am liebsten spiele, aber ich kann definitiv sagen, welches Werk ich am liebsten höre! Es ist von J.S. Bach, Das wohltemperierte Klavier, Präludium in b-Moll, BWV 867.“

Spannend ist auch ihre Antwort auf ihren bevorzugten Dirigententypus. „Es hängt sehr davon ab wie häufig ich mit der Person zu tun haben würde. Für Projektorchester/Festivalorchester kann ich mir einen anderen Typus vorstellen, als für eine Chefstelle. Ich liebe Struktur! Welche Stellen muss man proben und WIE – und dann aber auch: Welche Stellen muss man NICHT (so oft) proben. Orchester und DirigentIn auf Augenhöhe – ich freue mich jedes Mal zu sehen, wenn der/die DirigentIn das Orchester bei gewissen Stellen wo es möglich ist, spielen lässt und genießt zuzuhören – also nicht einfach ein Metronom durchfuchteln bei Stellen, die wunderbar von alleine schwingen und schwelgen. Das hat mit Vertrauen und Verständnis zu tun – wenn beide Seiten in der Musik aufgehen und die Musik an oberster Stelle steht, dann funktioniert dieses entspannte gemeinsame Musizieren.“

Anmerkung in eigener Sache:

Liebe MDR Orchesterfreunde,

Mit diesem Artikel beende ich meine Arbeit für den Freundeskreis. Ich bedanke mich für Ihr Interesse, wünsche Ihnen ein friedvolles Weihnachtsfest und ein harmonisches Neues Jahr.

Bleiben Sie dem MDR Sinfonieorchester weiterhin treu und gewogen.

Ihre Liv Bartels

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