Meine musikalische Neugier ist schwer zu stillen

Um Sebastian Hensel ansprechend zu beschreiben bräuchte es eigentlich mehr als diesen einen Artikel.

Der junge Mann ist nicht nur Bratscher, sondern besitzt auch einen Master Abschluss Lehramt in den Fächern Musik und Französisch und arbeitet derzeit an seinem Master-Abschluss in Tonsatz an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Wie er all diese Professionen unter einen Hut bekommt, Ausgleich findet und was ihn sonst noch zu begeistern weiß, erfahren Sie in diesem Interview.

Sebastian Hensel ist seit Oktober 2019 festes Mitglied im MDR-Sinfonieorchester; bereichert seit dem seine Gruppe wie auch das Orchester mit seinen Ideen und seinem Einsatz. Zuvor hatte er Stellen als koordinierter zweiter Solobratschist bei den Thüringer Symphonikern und als Tuttist im Philharmonischen Orchester Kiel inne.

Geboren in Berlin, erhielt er seine grundlegende musikalischen Ausbildung am „Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium“ in Berlin-Friedrichshain, damals noch mit dem Hauptfach Geige, absolvierte an der Universität der Künste seinen Bachelor Lehramt Musik und Französisch und setzte seine Studien anschließend in Leipzig fort.

Sebastian im Alter von 5 Jahren

Dabei wurde sein musikalischer Weg früh durch seine Eltern geprägt. „Ich bin in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen“, berichtet er uns im Interview. „Mein Vater war Kantor. Täglich ertönte in unserem Haus Musik. Sei es durch den Unterricht meines Vaters (Klavier und Gesang), sei es durch Ensembleproben im Wohnzimmer oder ganz früh in meiner Kindheit, durch die passive Teilnahme an Chorproben, die ich zuweilen auf dem Schoß meines Vaters vor dem Klavier verbrachte. Damit kam ich extrem früh mit Musik in verschiedenen Facetten in Berührung. An ein konkretes Erlebnis erinnere ich mich jedoch nicht. Es ist eher so, als ob die Musik schon immer in meinem Leben war. Meine Mutter hat lange Zeit im Chor der Kantorei gesungen und ist auch solistisch als Altistin aufgetreten. Von daher wird die Musik von Schütz und Bach bereits im Bauch meiner Mutter meine Ohren durchdrungen haben.“

Zu seinem Instrument – der Viola – kam er dann allerdings eher durch ein bürokratisches Missgeschick: Wie viele Bratschisten bin auch ich keine ‚Edelbratsche‘. Ich bin erst in meinem Schulmusikstudium von der Geige auf die Bratsche umgestiegen, was durch einen Verwaltungsfehler an der UDK zustande kam. Einen Monat nach Semesterbeginn hatte ich immer noch keinen Hauptfachunterricht und ging dann ins Sekretariat, wo die verdutzte Dame hinter dem Schreibtisch konstatierte, dass ich leider gar nicht im Vergabesystem für den Unterricht erfasst worden sei. Und außerdem wären mittlerweile alle Geigenklassen voll – bei den Bratschen gäbe es aber noch Platz. Ob ich nicht vorerst bei einer Bratschistin Unterricht nehmen wolle?“

So kam es, dass er zu Marion Leleu kam, die ihn von den Vorzügen der Bratsche überzeugte, wofür er ihr bis heute sehr dankbar ist. „Ich liebe den dunklen, samtigen Klang des Instruments, seinen kraftvollen Ton, viel erdiger als der einer Geige“ schwärmt er von den Besonderheiten der Viola. „Gleichzeitig hat das hohe Register eine Herbheit, die der Geige fehlt. Im Diskant kann die Geige schluchzen und jubilieren, aber ihr fehlt das gewisse Extra, über das die Bratsche verfügt.“

Neben dieser Anekdote zu seinem Wechsel auf die Bratsche, beschreibt er im Folgenden seine weiteren prägenden, künstlerischen Erfahrungen: „Einmal in meiner Studienlaufbahn hatte ich die Möglichkeit als Solobratschist in einer Opernproduktion spielen zu dürfen. Und dann war es auch noch Don Giovanni von Mozart. Nichts hätte besser sein können, einen vom Wunderwerk der Oper zu überzeugen, als diese Oper. Ein ähnlich prägendes Erlebnis war die Möglichkeit, nach Ablauf meiner Probezeit im Philharmonischen Orchester Kiel, bei einer Vorstellung von „Sweeney Todd“ aushilfsweise als Solobratschist spielen zu können. Was für eine Ehre und was für ein Gefühl, die Soli spielen zu dürfen. Da wusste ich, dass das Orchester auf jeden Fall für mich der richtige Ort ist.“

Sebastian Hensel im Ensemble „Bach in der Box“ der HMT Leipzig, dessen Stipendiat er während des Studiums war

In diesem Zusammenhang ergibt sich seine Antwort auf die Frage, was ihn an seinem Beruf am meisten begeistert, fast wie von selbst. „Am meisten fasziniert mich, dass im Orchester die musikalischen Vorstellungen von 120 Menschen zu einer Gesamtvision verschmelzen und für ein Publikum hörbar werden. Im Idealfall beginnt der Klang im Konzert dann zu schweben und sich von dem Materiellen, das der Tonproduktion ja doch anhaftet, zu lösen. In diesem Zustand wird das ‚Werk‘ für mich erfahrbar. Leider gelingt das nicht immer, aber auch eine Ahnung von einem Werk ist ja schon nicht schlecht.“

Die Begeisterung für viele Themengebiete, Epochen, Länder und Kunstformen spiegelt sich auch in seinen Lieblingswerken und -komponistInnen wieder. Ich liebe die Musik der Jahrhundertwende. Im Fin de siècle war in Europa so unglaublich viel los, sodass selbst jetzt noch viele KomponistInnen und ihre Werke auf eine Wiederentdeckung warten. Besonders angetan haben es mir die Werke von Maurice Ravel, Claude Debussy und César Franck.“ Vielleicht kommt hier seine frankophile Ader zum Ausdruck. Jedoch nennt er auch die Musik von Richard Strauss, Brahms, Bach, Beethoven, Haydn und Stravinsky, die Liederzyklen Schuberts, das Oeuvre Albéric Magnards, die Kammermusik George Onslows, die Orchesterwerke Béla Bartóks, Benjamin Brittens und Dimitri Shostakowitschs, fügt aber ergänzend hinzu: „Es sind zu viele, als das ich alle aufzählen könnte. Ich höre und spiele viel und gern. Meine musikalische Neugier ist schwer zu stillen.“

Sebastian Hensel ist seit 2019 Mitglied des MDR Sinfonieorchesters
Fotograf: Frank Türpe

Ebenso bunt fällt die Auswahl seiner Lieblings-CDs aus. Dort finden sich neben ‚Tristan und Isolde‘ mit RSB und Rundfunkchor Berlin, unter Leitung von Marek Janowski, auch Philippe Herreweghe mit dem Collegium Vocale Gent und Musik von Carlo Gesualdo sowie Véronique Gens und Roger Vignoles mit Werken von Debussy, Poulenc und Fauré.

Apropos Neugier. Bei so vielen Interessen und Leidenschaften drängt sich die Frage des Ausgleichs in der Freizeit aus. Sebastian wartet mit dieser Antwort auf: „Ich koche und backe sehr gern, liebe es, mit Schokolade umzugehen und Pralinen zu machen.“ Doch auch in der freien Zeit schätzt er die Abwechslung: „Ich genieße es, lange Strecken im Sommer zu Fuß zurückzulegen und den Kopf dabei freizubekommen; an freien Tagen ein Museum oder eine Ausstellung zu besuchen und mich von den Exponaten inspirieren zu lassen.“

Dennoch scheint die Musik einen Großteil seines Lebens auszufüllen. Derzeit studiert er wieder und setzt seinen Master im Fach Tonsatz/Gehörbildung fort. Die aktuelle Situation, dass der Dienst nicht in gewohntem Maße stattfinden kann, nutzt er, um sein Studium an der HMT Leipzig voranzutreiben. Daneben komponiert und arrangiert er. „Ich liebe es, verschiedene neue Stücke kennenzulernen, unabhängig von ihrer Stilistik“, so Sebastians Statement dazu. Erst kürzlich bereicherte er den MDR-SO-Adventskalender mit drei eigens dafür angefertigten Arrangements und auch für die „Viola Cases“ auf MDR Klassik schrieb er für die Bratschengruppe des MDR Sinfonieorchesters eine großartige Bearbeitung des Titelsongs eines bekannten Agentenfilms; brachte u.a. zuvor mit „Robin Hood – Ein orchestrales Abenteuer“ sein Kinderkonzert für sinfonisches Orchester und einen Sprecher in Rudolstadt zur Aufführung.

Künstlerisch verwirklicht sich der Wahlleipziger, der sich auch noch immer auf Klavier und Geige heimisch fühlt und zudem gerne singt, zusätzlich in seinem Streichquartett, das sich bereits 2013 gegründet hat. Nach vielen gemeinsam absolvierten Konzerten schwärmt er: „Es ist eine wunderbare Erfahrung, wie man gänzlich nonverbal miteinander kommunizieren kann und vieles selbstverständlich ist. Dies in der Kammermusik erleben zu dürfen, ist ein ganz großer Schatz. Von daher hegen und pflegen wir unsere Quartettbeziehung. Nicht nur die Proben sind wichtig, sondern auch unsere Freundschaft, die uns über die Jahre miteinander verbindet.“

Doch auch im Orchester hatte er schon besondere Momente wie diesen: „Mein außergewöhnlichstes Erlebnis im Orchester war eine Johannes-Passion mit dem Leipziger Barockorchester, bei der der Bass-Solist in der Golgatha-Arie um ein Viertel versetzt an einer Stelle einsetzte. Drei oder vier Takte später waren alle Augen bei der Konzertmeisterin und das gesamte Orchester sprang geschlossen dieses eine Viertel und alles war wieder gerettet. Absolut grandios. Musikalische Hochspannung vom Feinsten.“

Nicht nur Bratschist, sondern auch Komponist und Arrangeur – Sebastian Hensel
Fotograf: Christoph Risch

Seine Antwort auf die abschließende Frage, welchen Dirigententypus er bevorzugt – den, der die Zügel fest in der Hand hält oder den, der viele Freiheiten lässt – regt zum Nachdenken an und bewegt: „Ich bevorzuge Dirigenten, die gut strukturiert proben, eine klare Vorstellung des Werkes haben, das gemeinsam erarbeitet wird, die dem Orchester die notwendige Sicherheit geben, ohne es zu bevormunden. Die GP sollte bei einem solchen Dirigenten keine Spielwiese für komplett neue Ansichten sein, sondern zum Abklopfen des erreichten Arbeitsstandes, damit das Konzert ein Genuss für alle Beteiligten sein kann. Einen autoritären Dirigenten bzw. Dirigentin erachte ich als überkommende Vorstellung. Ein künstlerischer Leiter, der uns Musikern den Angstschweiß auf die Stirn treibt, ist für mich eher die Negativfolie eines Dirigenten. Ein/e (Chef-)Dirigent/in muss die Verantwortung sowohl künstlerisch als auch personell für das Orchester übernehmen. Ich möchte fühlen, dass das Orchester für einen Dirigenten keine Eintagsfliege ist, sondern ein gegenseitiges Versprechen – nicht anders als bei einem festen Kammermusikensemble. Von daher stellt sich mir die Frage nach autoritär oder liberal viel mehr vor dem Hintergrund der Verbindlichkeit. Autoritär und liberal sind zwei Seiten derselben Medaille. Ein guter Dirigent weiß, in welchem Moment er die Zügel etwas straffer halten muss und wann er dem Orchester Raum geben muss, damit sich die musikalischen Ideen entfalten können, die von den Musikern kommen.“

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