Ich habe es nie bereut auf den Blockflötenunterricht verzichtet zu haben.

Manch einem wird die junge Geigerin Charlotte Kraemer vielleicht schon durch den Japan Blog bei MDR Klassik bekannt sein. Im Oktober 2019 berichtete sie dort täglich charmant und persönlich von ihren Erlebnissen während der Orchestertournee durch das Land der aufgehenden Sonne. Im Frühjahr 2020 hat sie auch offiziell die Probezeit im MDR Sinfonieorchester bestanden und verstärkt nun als Mitglied der Gruppe der 1. Violinen das Ensemble. Wir gratulieren ganz herzlich und haben sie aus diesem Anlass interviewt, um sie hier einmal näher vorzustellen.

Charlottes Weg als Musikerin scheint bereits früh vorgezeichnet gewesen zu sein, denn schon im zarten Alter von vier Jahren erhielt sie ihren ersten Geigenunterricht bei Daniel Tanase, Theater Trier, der ihren musikalischen Werdegang über viele Jahre begleitete.

„Ich komme aus einer sehr großen Musikerfamilie, wirklich jeder spielt irgendein Instrument und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich auch mitmachen wollte“, erinnert sich Charlotte an ihre musikalischen Wurzeln. „Sobald ich ein bisschen sprechen konnte, habe ich mich immer am Bein meines Vaters festgeklammert, wenn er Geige geübt hat, und sehr vehement „Lotta Geiga“ gesagt. Als ich mit vier zu Weihnachten eine Blockflöte geschenkt bekam, war ich so enttäuscht, dass meine Eltern sich sicher sein konnten, dass die Geige wirklich ein Traum und nicht nur eine Phase war. Und so durfte ich mir kurz darauf meine erste Geige aussuchen und habe es bis heute nie bereut, auf den Blockflötenunterricht verzichtet zu haben.“

Charlotte mit ihrem Vater Thomas Kraemer

Von 2007 an unterrichtete sie Ernst Triner, Konzertmeister der Rheinischen Philharmonie Koblenz. An eines ihrer ersten musikalischen Erlebnisse erinnert sie sich wie folgt: „Ich war fünf, als ich das erste Mal mit meiner Geige auf einer Bühne stand. Meine Mutter hat mich am Klavier begleitet. Im Publikum saßen für meinen Geschmack zu viele Menschen und ich war schrecklich aufgeregt. Also ging ich zu meiner Mutter an den Flügel und bat sie, den Leuten mitzuteilen, dass sie sich bitte alle umdrehen sollen. Meine Mutter drehte kurzerhand mich um und so spielte ich mein erstes Konzert mit dem Rücken zum Publikum.“

Ihr nicht zu bändigender Musizierwille scheint jedoch größer gewesen zu sein als alle Aufregung und so begann Charlotte 2009 ihr Jungstudium am Hochbegabtenzentrum der Hochschule für Musik in Weimar bei Prof. Andreas Lehmann, wo sie 2012 auch ihr Abitur ablegte. Seit 2012 studiert sie Violine an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, zunächst bei Prof. Gernot Süßmuth und derzeit bei Prof. Friedemann Eichhorn. Und als sei das noch nicht genug, hat sie 2018 ein zusätzliches Studium im Fach Viola bei Prof. Erich Krüger, ebenfalls in Weimar, begonnen.

Überhaupt scheint die Geigerin sehr vielseitig interessiert und offen für andere Themenfelder zu sein. Zu ihren Leidenschaften jenseits des Berufs gefragt, antwortet sie: „Ein klares Muss für mich sind Ausgleich und Inspiration. Der Orchesterberuf ist sehr vereinnahmend und mir ist es wichtig, auch Dinge in mein Leben zu integrieren, die nicht nur mit Musik zu tun haben. Ich mache viel Sport und fahre so oft es möglich ist, in die Natur oder in andere Städte. Am meisten genieße ich die Zeit mit meinen Freunden. Mein Freundeskreis ist sehr bunt und neben vielen Musikern habe ich auch Freunde, die beispielsweise noch nie in einem klassischen Konzert waren, sich dafür aber unglaublich intensiv mit anderen faszinierenden Dingen auseinandersetzen. Das inspiriert und tut gut!“

Lässt sich gern von Freunden, Städten und der Natur inspirieren: Charlotte Kraemer

Inspiriert hat sie mit Sicherheit auch ihre Zeit als Mitglied des Bundesjugendorchesters und als Konzertmeisterin der Jungen Deutschen Philharmonie. In der internationalen Bachakademie konnte sie, ebenfalls als Konzertmeisterin, z.B. auch mit dem renommierten Helmut Rilling zusammen arbeiten. Orchestererfahrungen sammelte Charlotte weiterhin während ihres Zeitvertrages als Konzertmeisterin im Philharmonischen Orchester Altenburg-Gera. Sie gastierte ebenso als stellvertretende Konzertmeisterin bei den Hofer Symphonikern und als Konzertmeisterin beim Anhaltischen Theater Dessau. Nach Leipzig verschlug es sie dann 2019, wo sie zunächst einen befristeten Vertrag im Gewandhaus erhielt und noch im gleichen Jahr Mitglied des MDR Sinfonieorchesters wurde.

„Auf einer Bühne zu sitzen und ohne Worte mit den anderen Musikern und dem Publikum zu kommunizieren und dabei Emotionen, für die Worte gar nicht ausreichen würden, auszulösen, ist etwas, was nur Musik schafft“ – das fasziniert Charlotte selbst erklärter Weise an ihrem Beruf am meisten. Sie empfindet es als ein großes Geschenk, ihre Leidenschaft als Beruf ausüben zu dürfen. „Gleichzeitig finde ich auch faszinierend, wie ein Orchester funktioniert. Jeder Musiker hat von Kindesbeinen an mit viel Herzblut und Disziplin sein Instrument gelernt und fügt sich nun in ein großes Konstrukt ein, muss seine Position finden und lernen, sich einzuordnen, aber trotzdem nicht seinen Charakter zu verlieren – das ist eine große und spannende Herausforderung, der man sich gerade als Streicher jeden Tag stellen muss!“

Apropos persönliche Herausforderungen: die junge Geigerin engagiert sich seit 2017 auch für das Entwicklungsprogramm „Young Orchestras of Namiba“. Gemeinsam mit dem Weimarer Musai-Quartett reiste sie nach Namibia, wo sie Kindern vor Ort Violinunterricht gab.

Charlotte Kraemer liebt die großen Romantiker wie Mahler, Strauss und Bruckner. Und Bach.

Bei all dieser Umtriebigkeit drängt sich fast unwillkürlich die Frage auf, welche Werke und Komponisten dieses Energiebündel wohl am liebsten spielt. Der erste Teil der Antwort scheint da auch sofort wie Deckel auf Topf zu passen: „Ich bin zwar eindeutig Team Mahler, Bruckner und Strauss, (von den impressionistischen Komponisten, die ich auch sehr liebe mal abgesehen) .“ Der zweite Teil überrascht ein wenig, wenn auch nur im ersten Moment. Bei genauerer Betrachtung lässt er Charlottes Künstlerpersönlichkeit schließlich komplett erscheinen : „Wenn ich die berühmte Frage beantworten müsste, welchen Komponisten ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde, wäre die Antwort ganz klar: Bach. Ich werde seine Musik nie satt und keine andere gibt mir dieses seltene Gefühl von absoluter innerer Ruhe.“

Die Antwort auf die Frage welches Instrument sie spielen wollen würde, wenn sie es sich aussuchen könnte, erstaunt dann allerdings doch noch ein bisschen. Sie meint dazu: „Darüber muss ich gar nicht lange nachdenken! Ich würde sofort die Pauke nehmen. Meiner Meinung nach ist die Position des Solopaukers die allerbeste im ganzen Orchester. Man hat alles im Blick, wenn man so erhaben da hinten sitzt. Und wenn man spielt, ist es meistes irgendetwas Episches. Wer will nicht im Finale einer großen Sinfonie einen gefühlt zehnminütigen Wirbel spielen und dann das Ganze mit einem lauten Schlag beenden?“

Stimmt und überrascht dann wiederum auch nicht mehr so sehr ;-).

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