Archivschnipsel 01/2020

Zu Jahresbeginn schauen wir in dieser Rubrik auf unserem Blog einmal in winzige Details aus dem „Depot“ eines Orchestermusikers. Der heutige Archivschnipsel dreht sich um ein sehr winziges, aber ebenso wichtiges Teil der Oboisten: das Oboenrohr bzw. noch detaillierter, es geht um eine besondere Hülse.

Auf eine gewöhnliche Hülse aufgebundenes Oboenrohr.

Jürgen Dietze, langjähriger Solo-Oboist im MDR-Sinfonieorchester und im vergangenen November in den (Un)Ruhestand verabschiedet, hat in seinem Instrumentenfundus ein sehr selten benutztes Teil gefunden und berichtet uns heute Interessantes zu Art und Funktionsweise einer seltenen Hülse:

Treffen sich zwei Oboisten, so dauert es nicht lange , und das Gespräch kommt auf den sogenannten Rohrbau – eine komplizierte handwerkliche Arbeit, die jeder Oboist selbst durchführt…

Das Oboenrohr ist das Verbindungsstück zwischen Instrument und Musiker. Es besteht hauptsächlich aus drei Dingen: dem Schilfrohr, der Hülse und dem Faden zum Aufbinden des Rohres auf die Hülse.

Beschäftigen wir uns kurz einmal mit der Hülse, die meist aus Messing oder Neusilber besteht. Da gibt es verschiedene Ausführungen, dünnwandige oder dickwandige Hülsen, kurze (44mm) bis lange (48mm) sowie im Durchmesser unterschiedliche. Ihre obere ovale Öffnung beträgt ca.3 mm durch die der Luftstrom fließen muß. Das kann recht anstrengend werden und nun verstehen Sie, warum bei „Jugend musiziert“ die oboespielenden Kinder schon nach zwei Zeilen ihres Vortragsstückes mit Konditionsproblemen zu kämpfen haben. 

Der Musikverlag Merseburger brachte in den dreißiger Jahren eine Zeitschrift für Doppelrohrblattbläser heraus, in der viel Interessantes zu finden ist. So auch der Hinweis auf ein Buch „Das Geheimnis der Hülse“, in dem vermutlich auf die große Bedeutung der richtigen, zum Instrument und Spieler passenden Hülse hingewiesen wird. Neu war auch die Entwicklung einer längenverstellbaren Hülse vom Ingenieur Alfred Klopfer aus Reinsdorf bei Zwickau, später übernahm sein Sohn Johannes den Betrieb (Oboenzubehör), den ich dann mehrmals besuchte. Dabei kam auch das Gespräch auf die Hülse mit dem Schraubgewinde. Nach kurzem Suchen fand Herr Klopfer noch so ein seltenes Exemplar und schenkte es mir. Durch das Gewinde kann ich die Hülse verlängern bzw. verkürzen, die Grundstimmung der Oboe damit leicht um ein, zwei Schwingungen verändern.

Trotz einiger Dankesschreiben, die der Verlag Merseburger damals veröffentlichte, hat mich persönlich die Neuerung nicht überzeugt. Bedenkt man, daß selbst „normale“ Hülsen gleicher Bauart  unterschiedliche Ergebnisse bringen, stört die kleine Kante im Inneren der Hülse die Entwicklung des Tones.

Viel Geduld und auch ein wenig Glück wird man wohl immer zum Oboenrohrbau brauchen.

Jürgen Dietze.

Oboenhülse mit Schraubgewinde von Alfred Klopfer

Dienstags ist der #Depotdienstag der Museen, wir zeigen Schnipsel, die uns in unserem Archiv in die Hände fallen, aber auch Schnipsel, die mdr-Orchesterfreunde zu uns bringen. Deshalb unsere Frage an Sie: Haben Sie Erinnerungen zu Hause? Haben Sie Geschichten zum Orchester zu erzählen? Schreiben Sie uns oder erzählen Sie es uns (…möglichst so, dass wir es uns merken können, also am besten vor einem Mikrofon.)! Wir sind sehr neugierig…

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