Archivschnipsel 3/2019 – Silbersee

Vor ein paar Tagen erreichte uns folgender Tweet eines japanischen Twitter-Orchesterfreundes, der sich sehr auf die Konzerte des MDR-Sinfonieorchesters dieser Tage in Tokyo freut und in Vorbereitung und Vorfreude viel über das Orchester liest und hört. Das freut uns sehr!

Er gräbt tief in der Orchestergeschichte und stieß u.a. auf ein selten gespieltes Werk von Kurt Weill, das vom Leipziger Sinfonie-Orchester am 18. Februar 1933 unter besonderen Umständen uraufgeführt wurde. Die Schauspieloper „Silbersee“ – und schon dieser Begriff zeigt die Besonderheit des Werks – wird heute fast nicht mehr gespielt, erfordert sie doch ein besonderes Ensemble, aber es gibt eine Aufnahme mit dem Kölner Rundfunkorchester. Den Umständen der Uraufführung nachzuspüren ist für uns ein schöner Grund, tiefer einzutauchen und einen neuen Archivschnipsel über diese Uraufführung hervorzuziehen.

Wir gehen dazu nochmals in die Festbroschüre zum 40jährigen Orchesterjubiläum von Willi Pretzsch, die wir schon im letzten Archivschnipsel zitierten, dort steht:

„Das Jahr 1933 beginnt. Noch steht ein besonderes künstlerisches Ereignis für das Leipziger Sinfonie-Orchester bevor, ein recht ungewöhnliches. Am 18. Februar 1933 wird im Alten Theater in Leipzig das Schauspiel „Der Silbersee“ uraufgeführt. „Als ein Aufruf zum humanistischen Handeln verdient ‚Der Silbersee‘ neben den besten Stücken bürgerlicher Autoren genannt zu werden, die vor der hereinbrechenden Barberei die Würde des Menschen bewahren wollten.“ Der Autor: Georg Kaiser. Der Komponist: Kurt Weill. Der Dirigent: Gustav Brecher. Das riecht nach Sensation. Und es wird zur Theatersensation, aber nicht – wie Achtgroschennazis glauben – zum Theaterskandal. Das Stück wird ohne nennenswerte Störungen zu Ende gespielt. Pfeifen wird spontan vom Beifallklatschen übertönt. Der Schlußapplaus ist ungeheuer. Alle haben demonstrativ ihr Bestes gegeben: die Musiker des Leipziger Sinfonie-Orchesters, die Bühnenarbeiter, die Beschäftigten vor und hinter der Bühne einschließlich des Chores und die Schauspieler, unter ihnen Joachim Gottschalk, dessen späteres tragisches Schicksal 15 Jahre danach in dem DEFA-Film „Ehe im Schatten“ ergreifende Gestaltung findet. Vor dem Vorhang aber verneigen sich immer und immer wieder Georg Kaiser, Kurt Weill und Gustav Brecher. Dem Geschichtsbuch des Leipziger Sinfonie-Orchesters ist ein weiteres Ruhmesblatt hinzugefügt. Das vorläufig letzte.“

Diese Erwähnung der vielumjubelten Uraufführung hinterlässt einen fast euphorischen Eindruck, wäre der letzte Satz nicht, die Geschichte scheint noch weiterzugehen. Wir stöbern weiter in der Orchesterbibliothek…

Zum 75. Orchesterjubiläum erschien eine ausführlichere Beschreibung der MDR Orchestergeschichte, basierend auf der 24teiligen, gleichnamigen Reihe in der Programmzeitschrift „Triangel“ von MDR Kultur. Dieses Buch, verfasst von Jörg Clemen und herausgegeben von Steffen Lieberwirth ist im Verlag Klaus-Jürgen Kamprad erschienen. Es ist leider nur noch antiquarisch zu erhalten, eine Neuauflage ist nicht in Sicht, in digitaler Form liegt es nicht vor. Darin wird ausführlich über die Uraufführung geschrieben und da das Buch sicher nur wenigen Orchesterfreunden zugänglich ist, möchten wir an dieser Stelle auch diesen Ausschnitt hier zitieren:

Unter einem düsteren Omen stand eine Uraufführung, an der das LSO in seiner Funktion als Ersatz für das Gewandhausorchester in Leipzigs Oper beteiligt war: Kurt Weills Schauspieloper „Der Silbersee“.

Eigentlich war die ganze Inszenierung in Leipzig ein Ersatz, denn konzipiert hatte Weill den „Silbersee“ – das Textbuch dieses „Wintermärchens“ hatte Georg Kaiser verfasst – für das Deutsche Theater in Berlin. Weill kreierte eine Musik, die den Rahmen üblicher Schauspielmusiken bei Weitem sprengt (deshalb auch die Bezeichnung „Schauspieloper“) und aufgrund der schwierigen Solo-, Chor- und Ensemblenummern zugleich perfekt singende Schauspieler und schauspielernde Sänger erfordert. Anders als in Leipzig wäre in Berlin ein solches Ensemble vorhanden gewesen. Weill erhielt um die Jahreswende 1932/33 aber plötzlich eine Absage aus Berlin. Die Leipziger Oper unter Gustav Brecher indessen sagte zu. Bereits im Januar 1933 begannen die Proben und der Termin für die Uraufführung im Alten Theater wurde – um genügend Zeit zu haben für die Einstudierung mit Schauspielern des Leipziger Ensembles – vom 28. Januar auf den 18. Februar verlegt.

Mit dieser an und für sich profanen und simplen Äußerlichkeit wurde „Silbersee“ zum symbolträchtigen Grenzfall: nationalsozialistische Attacken gegen das „Vehikel des Juden Weill“ gehörten nach dem 30. Januar 1933 de facto zur Staatsräson. Da spielte es letztlich keine Rolle mehr, dass der weit über die Landesgrenzen als Protagonist moderner Theaterkultur ge- und beachtete Leipziger Opernchef Gustav Brecher die musikalische Leitung selbst übernommen hatte (Detlef Sierck war für die szenische Einstudierung verantwortlich). Auch nicht, dass der künstlerische Erfolg der parallelen Uraufführungen an den Bühnen Magdeburgs und Erfurts des trotz legendenhaften Sujets in seiner Gesamtaussage äußerst sozialkritischen Werks zu weiteren Übernahmen beziehungsweise eigenen Inszenierungen nachgerade zu verpflichten schien.

Im Gegenteil. Hielt die applausreiche Premiere innerhalb der Theaterwelt die zischelnden Störenfriede der Nazis noch einigermaßen im Zaum, griffen die Konsequenzen der Machtübernahme Hitlers um so krasser: F.A.Hauptmann, frischgebackener Leiter der Kulturabteilung der NSDAP und Stadtrat Leipzigs und später Chef der Leipziger Ortsgruppe der NS-Kulturgemeinde, scheute sich nicht, gleich vorab zu schießen: Er forderte kurz vor der Premiere Sierck, das Stück sofort abzusetzen, „sonst würde etwas geschehen“. Ähnlich plump und zugleich perfid sind seine kurz nach der Premiere erschienenen Auslassungen als Korrespondent des „Völkischen Beobachters“: „Die Aufnahme des empfindungsarmen, geistleeren Machwerks in den deutschen Bühnenspielplan bedeutet eine Dreistigkeit ohnegleichen, noch dazu, daß Weill als Jude es sich erlaubte, für seine unvölkischen Zwecke sich einer deutschen Bühne zu bedienen! Das Beschämendste an dieser Angelegenheit aber ist, daß sich der Generalmusikdirektor der Stadt Leipzig, Gustav Brecher, zu Derartigem hergab!“. Hauptmann drohte schließlich, Sierck werde „die von unserem Führer ausgehende, alles Ungesunde und Schädliche hinwegfegende Kraft noch genauer kennenlernen“.

Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin, am 4. März erlangte die NSDAP bei den Reichstagswahlen die absolute Mehrheit. Kurze Zeit später emigrierte Weill nach Paris, nachdem die Nazis unter anderem sämtliche Aufführungen von „Der Silbersee“ verboten hatten. Gustav Brecher war in den folgenden Jahren ebenfalls auf der Flucht. Er und seine Frau kamen 1940 – unter nicht restlos geklärten Umständen – während einer Überfahrt vom Belgischen Ostende gen England ums Leben.

Soweit der Blick in düstere, deutsche Geschichte, die uns vor den Ereignissen dieser Tage vielleicht sehr aktuell erscheint.

Vielen Dank an den japanischen Twitterer @modernemoderne für den Anstoß, nach dieser Geschichte im Archiv zu stöbern.

Dienstags ist der #Depotdienstag der Museen, wir zeigen Schnipsel, die uns in unserem Archiv in die Hände fallen, aber auch Schnipsel, die mdr-Orchesterfreunde zu uns bringen. Deshalb unsere Frage an Sie: Haben Sie Erinnerungen zu Hause? Haben Sie Geschichten zum Orchester zu erzählen? Schreiben Sie uns oder erzählen Sie es uns (…möglichst so, dass wir es uns merken können, also am besten vor einem Mikrofon.)! Wir sind sehr neugierig…

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