Freitagsfrage – 4.10.19 Noten digital?

In dieser Woche haben wir eine sehr interessante und nahezu revolutionäre Frage von Frau Dr. Maria Gross zum Thema Noten:

„Das Notenumblättern und das gemeinsame Lesen der Papiernoten von zwei Musikern an einem Pult bei den Konzerten sieht nicht zeitgemäß aus.
Die Noten werden aus dem Archiv geholt bzw. vom Musikverlag  ausgeliehen. Welche Investitionen sind erforderlich, um zu
den Konzerten des MDR Sinfonieorchesters das Notenmaterial an  beleuchteten elektronischen Notenbüchern (ebook)
einzuführen? Welche Vorteile und Nachteile  hätte das?“

Eine sehr zeitgemäße Frage, hält doch die Digitalisierung auch auf den Konzertpodien der Orchester Einzug. Wir haben in verschiedensten Abteilungen rings um das MDR-Sinfonieorchester nach Antworten gesucht.

Herr Schade aus dem Notenarchiv des MDR-Sinfonieorchesters sagt dazu:

„…also, praktiziert wird dies bereits von einigen Dirigenten und Orchestern, aber die Technik ist nicht ganz ausgereift.

Es kann zu Stromausfall kommen, die Geräte hängen sich auf, die Fuss-Tastatur kann klemmen und, nicht zu vernachlässigen, das Blenden der Displays bei dem Bühnenlicht.

Bis jetzt ist die Papierform das Beste, da auch gleich Änderungen und Striche eingetragen werden können.

Aber sicher ist in der Zukunft das Digitale Notenpult eine Option.“

Jens-Dirk Schade, Notenarchiv

Eine Musikermeinung: Annemarie Gäbler, Geigerin im MDR-Sinfonieorchester sagt:

„Ich habe selber noch nie ein eBook beim musizieren verwendet, finde es allerdings sehr interessant. Es gab schon einige Solisten bei uns, die ein solches digitales Notebook benutzt haben. Gerade als Solist ist es manchmal sehr schwer, selber die Noten zu wenden. Ein Klick mit dem Fuß zum blättern zur nächsten Seite ist da natürlich viel einfacher. 

Ob das auch für ein ganzes Orchester praktisch ist, weiß ich nicht. Natürlich wäre es eine große Hilfe, wenn an den vorderen Pulten eine neue Einzeichnung hinzu kommt und man diese dann auf das ganze Notenmaterial mit einem Klick weiter leiten kann. 

Aber ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass mir wahrscheinlich die richtigen Noten fehlen würden. Auch die Noten tragen oftmals eine Geschichte in sich. Manchmal gibt es Eintragungen auf der ersten Seite, wann dieses Werk von wem aus dem Orchester gespielt wurde. Gerade bei altem Notenmaterial finden sich da erstaunliche Jahreszahlen, die einem auch die Vergangenheit des eigenen Orchesters wieder bewusst machen.“

Martin Günther, Orchesterwart beim MDR-Sinfonieorchester, der gemeinsam mit seinen Kollegen für Aufbau, Wartung der Geräte ect. zuständig wäre, sagt dazu:

„Zum einen sollten hierbei zwei Technologien berücksichtigt werden. Einmal LCD-Technologie bzw. OLED und E-Ink. Für ein Orchester würde sich natürlich die E-Ink Technologie anbieten. Hierbei gibt es bereits selbstleuchtende Displays. Auch gibt es bereits Hersteller, welche dieses Gebiet abdecken. Das „GVIDO“ E-Ink Doppeldisplay 2x 13,3 Zoll

Die Displays sind, soweit Informationen verfügbar sind, nicht beleuchtet. Aus gutem Grund – Die Ausleuchtung ist bei E-Ink Displays nicht flächig genug und auch reinweiß nicht möglich. Von der Größe her sind sie mit zwei A4-Seiten vergleichbar. Das mag für einen Bruchteil des Notenmaterials ausreichen. Jedoch längst nicht für die gesamte Literatur.

Zum Umblättern gibt es einen drahtlosen Fußschalter oder wahlweise eine Berührung am Geräterand. Zum Editieren und Einzeichnen benötigt man einen spezifischen Stylus.

Die Kosten für ein Gerät belaufen sich laut Hersteller auf $1600,-  netto pro Gerät.

Welche Vor- und Nachteile  hätte das?

Vorteile:

Zentralisiertes Literatur-Management möglich

Programme und Seitenordnung können individuell (ohne Kopien) eingerichtet werden

Noteneinrichtung würde vereinfacht

Digitalisierung der Notenbibliothek

Nachteile:

Technikabhängigkeit – die Geräte müssen immer geladen sein, der Stylus ebenfalls ebenso wie der Fußumschalter

Die Ablesbarkeit ist nicht ebenbürtig mit der von Papier – gleiches gilt für die Auflösung

Kosten

Das Notenmaterial muss zwingend in einem speziellen Format vorliegen – es ist nicht einfach möglich, eingescannte Seiten als PDF auf E-Ink darzustellen – hier macht man sich abhängig von einzelnen Notenverlagen bzw. Herstellervorgaben

Einzeichnungen und Einrichtungen von Notenmaterial sind umständlich und gewöhnungsbedürftig und bedürfen zwingend immer einem speziellen Stift

Platz und Gewichtbedarf ist höher – gerade auf Orchesterreisen – die zugehörige Ladeelektronik und Netz Infrastruktur (WIFI, Bluetooth, Laptop) müssen auch auf Orchesterreisen bereitgehalten werden

Fazit

Aus meiner Sicht ist diese Technologie noch längst nicht ausgereift. Es ist nur begrenztes Literaturangebot verfügbar. Hier macht man sich vom Hersteller und Verlagen abhängig. Die Ablesbarkeit ist schlechter als bei Papier – dies liegt an zwei Dingen: Zum einen ist die Auflösung der Displays zu gering und zum anderen ist die Displayfarbe kein reinweiß und kann auch nicht so beleuchtet werden. Auch muss zwingend die technische Infrastruktur gegeben sein. Was passiert wenn das Gerät im Konzert abstürzt oder die Seiten nicht mehr zum wenden sind. Oder die Einzeichnungen nicht abgespeichert wurden? Es gibt da keine Backup-Lösung. Ohne Gerät keine Noten und kein Konzert. Papiernoten haben da einen entscheidenden Vorteil: sie sind vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäß, aber immer noch zeitlos.“ 

Was für ein schöner Satz zum Abschluss. Vielen Dank für diese Antworten, die alle vielleicht eines widerspiegeln: Musik und Orchesterspiel ist und bleibt größtenteils zeitlose Handarbeit. Musiker sitzen gleichzeitig zusammen und stellen etwas Einmaliges her, etwas, das nur einen kurzen Augenblick live zu erleben ist, bei dem viele komplizierte Abläufe gleichzeitig stattfinden. Beim nächsten Mal ist alles schon wieder anders. Ist die heutige Technik diesen Anforderungen schon gewachsen oder anders gefragt, wieviel Technik verträgt ein Orchester? 😉

Sie haben eine Frage an die mdrSO-Musiker oder an die mit dem MDR Sinfonieorchester musizierenden Solisten und Dirigenten oder an die hinter der Bühne für einen reibungslosen Ablauf sorgenden Mitarbeiter? Schreiben Sie uns, wir versuchen, eine Antwort zu bekommen und veröffentlichen sie hier immer freitags. #mdrFreundefragen

Auch Musiker haben Fragen an Ihren Freundeskreis, deshalb wird es auch manche Frage an Freundeskreismitglieder geben. #mdrMusikerfragen

Ein Kommentar zu „Freitagsfrage – 4.10.19 Noten digital?

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  1. Zur Freitagsfrage „Verwendung von enotebooks für das MDR Sinfonieorchester zukünftig in Proben und im Konzert?

    Die Zukunft hinsichtlich der Digitalisierung ist in aller Munde auf den verschiedensten Gebieten.
    Warum nicht auch für die Noten auf dem Notenständer der Orchestermusiker, neben den Instrumenten wichtigstes Hilfsmittel zur perfekten Klangerzeugung?
    Antworten auf die o.g. Freitagsfrage wurden von Frau Gäbler, Geigerin im MDR Sinfonieorchester, Herrn Schade, Notenarchiv des MDR Sinfonieorchesters und Herrn Günther, Orchesterwart des MDR Sinfonieorchesters gegeben.

    Als Fragestellerin möchte ich mich bei Ihnen ganz herzlich bedanken für die exzellenten Antworten, die uns Probleme und Lösungswege aufzeigen, aber auch philposophisch den Umgang mit Noten aufzeigen.
    Haben wir uns vor Jahren vorstellen können, dass PC, internet, Email, Handy, Smartfon, selbstfahrende Elektroautos, Drohnen etc. schon heute unsere täglichen Wegbegleiter sein werden und u.a. die Kommunikation vereinfachen und beschleunigen?
    So wird auch der Einsatz digitaler Noten in einem Orchester in Zukunft selbstverständlich sein. Dazu ist aber noch viel Forschung und Entwicklung nötig, um auch eine 100 % ige Sicherheit des Funktionierens zu garantieren.

    Erfreuen wir uns bis dahin noch an den Noten auf Papier, vor allem auch an den handschriftlichen Notenblättern, die uns von berühmten Komponisten überliefert sind. Dazu könnten wir uns einen Besuch im Notenarchiv des MDR Sinfonieorchesters oder des Bacharchivs im Bachmuseum Leipzig vorstellen.Der Beweis, dass Noten auf Papier, sofern mit haltbarer Tinte geschrieben, zeitlos sind, muss nicht mehr erbracht werden.

    Dr. Maria Gross
    Vorsitzende
    Freunde des MDR
    Sinfonieorchesters e.V.
    19.10.19

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