Tränen in den Augen und Kloß im Hals

Aktuell bin ich persönlich sehr dankbar für den Liederlieferdienst und die damit verbundene Möglichkeit wieder und weiter mit Menschen in Kontakt kommen zu können. Damit meine ich nicht nur meine Kolleg*innen wiederzusehen und sogar in kleinen Besetzungen mit ihnen Musik machen zu dürfen, sondern v.a. auch mit einem Publikum in Austausch treten zu können.

So privilegiert und dankbar ich mich im Moment fühle, weiter uneingeschränkt meinen Lohn zu erhalten (die existenziellen Nöte der unzähligen Freischaffenden, denen durch Corona die Lebensgrundlage entzogen wurde, kann ich vermutlich nur annähernd nachfühlen), so ist mir durch Corona bewusst geworden, wie sehr mir der Austausch fehlt, wenn ich nicht auftreten darf. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Musiker (und natürlich auch alle anderen Künstler) in ihrem Job angetreten sind, um (musikalisch) etwas sagen und mit dem Publikum teilen zu können, Emotionen zu transportieren und das auszudrücken, was so oft nicht in Worte zu fassen ist. Dass dies seit mehreren Wochen nicht mehr möglich ist, hat mir bewusst gemacht wie sehr ich selber auch von diesem Austausch – das selbst Geben und die Reaktion des Publikums – zehre und wie ich nun darunter leide nicht „senden“ zu dürfen.

Mit dem LLD ist nun eine wunderbare Möglichkeit gefunden worden, dass wir Musiker wieder spielen können. Eine Möglichkeit, die sogar noch viel intimer und persönlicher ist als im großen Konzertsaal zu spielen, wo man zwar ebenso durch Flowerlebnisse gemeinsam mit den vielen Kollegen und dem ungleich größeren Auditorium beflügelt werden kann, und die Reaktion der Einzelnen dennoch nicht so unmittelbar und direkt erlebt wie aktuell beim LLD. Beides hat jeweils seine ganz eigene Qualität und ich bin dankbar für beide.

Im Garten der Sinne (Haus am Karswald): Susanne Schneider, Britta Croissant, Julia Obergfell und Liv Bartels

Darüber hinaus ist es tatsächlich so, und ich wage auch hier mit für meine Kolleg*innen zu sprechen, dass wir uns mit den kleinen LLD Konzerten auch selbst ein Stück weit beschenken.
In Zeiten des Lockdowns und auch jetzt noch wurden und werden zahlreiche Musik-Videos u.ä. im Homeoffice erstellt. Dabei sind bereits sehr kreative Ergebnisse herausgekommen und ich selbst bin dankbar für jede Möglichkeit an etwas „Größerem“ beteiligt sein zu können, anstatt nur in meinem Kämmerlein vor mich hin zu üben. Und ich bin dankbar für die zahlreichen technischen Entwicklungen, die uns all das überhaupt erst ermöglichen.
Ich denke, dass beim reinen Spielen nach Klick vielen von uns jedoch auch bewusst geworden ist, wie wenig das eigentlich mit Musik machen zu tun hat. Zu unserer Arbeit gehört eben doch noch so viel mehr als die reine Präzision und Perfektion. Gemeinsames Empfinden, Erspüren der Musik, das Erkunden und Entdecken der Werke als Ensemble, all das ist auf diese Art nicht möglich und macht doch so viel unseres täglich Brotes aus.
Und ein Handy ist eben doch kein Tonstudio…

Gerade in den ersten Wochen überkam mich auch oft das Gefühl der Bedeutungslosigkeit meines Tuns, und damit meine ich v.a. das Vor-mich-hin-üben, während andere Leben retten oder das System am Laufen halten. Gleichzeitig habe ich jedoch selbst stark von Beiträgen anderer Künstler z.B. auf Instagram zehren können und gemerkt, wieviel mir Musik und Kunst auch an Zuversicht und Hoffnung geben. Da ist mir bewusst geworden, dass unser Job keinesfalls bedeutungslos ist, denn wir Künstler rühren an Ebenen, die vielen Menschen gar nicht bewusst sind und drücken Gefühle aus, die bei all den aktuellen, oft rein intellektuellen Diskussionen vielleicht sogar viel zu wenig Beachtung finden. Damit meine ich z.B. Angst, Ungewissheit und auch Einsamkeit und Verzweiflung, die wir vielleicht nicht unbedingt verbal ausdrücken und dennoch gerade in dieser so andersartigen Situation alle irgendwie spüren können. Ureigene Gefühle, die uns auch als menschliche Wesen miteinander verbinden.
Und gerade da kommt die Musik oder Kunst im Allgemeinen ins Spiel, die genau für all dieses oft Unbeschreibliche ein Ventil sein und Halt in dieser von starken Veränderungen geprägten Situation geben kann.
Ich habe direkt gespürt wie es v.a. mir selbst gut getan hat, als ich, noch vor dem LLD, mit kleinen Balkonkonzerten für meine Nachbarn begonnen habe. Und ich glaube, dass ich auf diese Weise, und seien es nur mit schlichten Volksliedern, auch meine bisher vermutlich eher selten mit klassischer Musik in Kontakt gekommenen Nachbarn, berühren und ihnen etwas Elementares geben kann.

Zudem glaube ich, dass wir als Drei Länder Anstalt gerade unser volles Potenzial entfalten können, in dem wir als Spitzenorchester die Hochkultur in die entferntesten Ecken des Sendegebietes tragen. Gerade in Zeiten immer wieder kehrender Diskussionen über den Rundfunkbeitrag, haben wir nun die Chance den Menschen zu zeigen, was noch so mit ihrem Geld passiert und können unseren Bildungsauftrag direkt in die Tat umsetzen.

Selbst in meinem Bekanntenkreis sorgt es immer wieder für Aha Momente, wenn ich erzähle, dass auch wir Klangkörper von der GEZ finanziert werden. Die Akzeptanz für die, oft nur als Pflichtabgabe wahrgenommene, Rundfunkgebühr ist bei meinem Gegenüber mit diesem Wissen anschließend meist eine deutlich höhere.

Auch optisch Ton in Ton für den MDR Liederlieferdienst

Außerdem wird nun, denke ich, auch vielen Menschen bewusst, dass, so schön Live Stream und Mediatheken auch sind, sie doch das Live Erlebnis eines Konzertes, einer Opernaufführung, eines Theaterstückes oder eines Museumsbesuches etc. nicht ersetzen können. Wir nehmen eben doch über so viel mehr Sinne wahr als nur über die Augen und Ohren.

Darüber hinaus sollten wir bewusst haben, dass sich die meisten Bewerber für den LLD über MDR JUMP anmelden – zuvor also vermutlich eher selten eine direkte Beziehung zu klassischer Musik hatten. In der Tatsache, dass wir diese Menschen sprichwörtlich „vor Ort“ mit unserer Kunst abholen, sehe ich ein enormes Potenzial, die oft stark ausgeprägten Berührungsängste mit Klassik, ein Stück weit zu überwinden und u.U. sogar neue Publikumsschichten zu erschließen. Zu zeigen, dass Klassik nicht nur steif und elitär ist, sondern auch im Hinterhof oder im Garten berührt, kann gefühlte Schranken überwinden.

Natürlich ist es auch anstrengend so viel unterwegs zu sein und dennoch kehre ich nach jedem LLD zufrieden und erfüllt nach Hause zurück. Die berührenden Erlebnisse und die tiefe Dankbarkeit, die ich dabei erfahre, tragen mich auch noch Tage danach und machen mich sehr glücklich.

Von einem dieser besonderen Erlebnisse möchte ich abschließend gern noch erzählen:
Beim letzten Auftritt unseres ersten LLD Einsatzes spielten wir in einem Hinterhof für ein junges Paar. Sie ist als Studentin seit Wochen zu Hause und ihr Ehemann wollte sich mit diesem Ständchen für ihr tapferes Durchhalten in dieser Zeit bedanken. Wir spielten u.a. auch den Abendsegen von Engelbert Humperdinck, ein ohnehin wunderschönes Stück, das in dieser intimen Situation besonders anrührend war. Als ich anschließend den dazu gehörigen Text vorlas und noch ein paar Worte dazu verlor, hatten wir alle Tränen in den Augen und einen Kloß im Hals, sicherlich aus unterschiedlichen Gründen und dennoch für alle spürbar. Ein sehr berührender Moment, den wir bestimmt alle so bald nicht vergessen werden.

So unterschiedlich jeder von uns diese Zeit erlebt, so sehr rührt uns doch im Innern dieses Außergewöhnliche an und ich wünsche mir sehr, dass uns dadurch allen bewusst wird, was unser Leben wirklich bereichert und, dass wir diese einschneidende Erfahrung in etwas Positives verwandeln können. Denn, so abgedroschen dieser Satz auch klingen mag, so sehr liegt auch ein unglaubliches Potenzial in dieser Situation.

Und ich wünsche uns allen, dass wir gesund bleiben!

Liv Bartels

Gartenprobe in Dresden mit Susanne Schneider, Britta Croissant, Julia Obergfell und Liv Bartels

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