Eine besondere Spielzeit steht für das MDR-Sinfonieorchester an, es wird die einhundertste! Was könnte besser zu Beginn in unseren mdr-Orchesterfreunde-Blog passen als ein Blick in das Orchesterarchiv des MDR-Sinfonieorchesters, in dem über die 100 Jahre des Bestehens hinweg von den Musikern selbst viele Erinnerungen zur Aufbewahrung zusammengetragen wurden.
Zu Wort kommen werden in diesem Beitrag einige Hüter und Bewahrer des Orchester-Archivs, die heute zum Teil bereits im Ruhestand sind. Johann Prokein und Klaus Niemeier ließen uns einen kurzen Text zukommen, den wir hier veröffentlichen wollen. Die beiden derzeit aktiven Archivare Bernd Strauß und Dietrich Hagel konnte ich in einem kleinen Interview befragen.
Kleiner interessanter Fun-Fakt am Rande: Zu Beginn der Archivarbeit waren viele Geiger aktiv als Sammler, später wanderte die Sammelleidenschaft eher in das tiefe Register, einige Kontrabassisten bzw. ein Fagottist kümmerten sich lange um die Bewahrung der Orchestergeschichte. Heute ist mit einem Kontrabassisten und einem Geiger eine sehr gute Balance hergestellt. 😉
Die Anfänge des Orchesterarchivs sind heute nicht genau verifizierbar. Erste, mir bekannte Mitteilungen, das Orchester betreffend, stammen aus den endzwanziger Jahren des letzten Jahrtausends, darunter Kritiken über Konzerte ohne Dirigenten in Berlin. Ich weiß, dass der Geiger und Komponist Alfred Malige, den ich noch persönlich kennenlernen konnte, persönliche Aufzeichnungen über das „Tagesgeschäft“ und das Wirken unseres Orchesters in der Stadt Leipzig und darüber hinaus, erstellte. Der Großteil seines Nachlasses liegt im Stadtarchiv Leipzig resp. im Bundesarchiv. Bis ca. 1955 kümmerte sich das Orchestermitglied Otto Hudatzky (Violine) um das Archiv, danach Wolfgang Liebau (Violine), Johann Prokein (Kontrabass), Klaus Niemeier (Kontrabass) und aktuell Bernd Strauß (Kontrabass) und Dietrich Hagel (Violine). Bis zum Umzug in das neue Funktionsgebäude am Augustusplatz (2001) befand sich das Archiv in den Privatwohnungen der jeweiligen „Bewahrer“. Zusammengetragen, geordnet und archiviert werden Dienstpläne und Dienstlisten der einzelnen Instrumentengruppen, einschließlich der Personaldaten ehemaliger und heutiger Mitglieder des Orchesters. Hauptsächlich jedoch Konzertkritiken, Beleg-CDs, Publikumspost sowie der Schriftverkehr zwischen Orchestervorstand und MDR-Management. Glücklicherweise fanden sich in unserer 100-jährigen Geschichte immer wieder Kollegen, die das Archiv als Gedächtnis des Klangkörpers bewahren und auf aktuellem Stand halten. (Klaus Niemeier)
Seit wann gibt es das Archiv des MDR-Sinfonieorchesters?
Bernd Strauß: Ein genaues Datum gibt es sicher nicht. Es gab und gibt immer Kollegen/innen die Erlebnisse aus der Dienstzeit analog gesammelt haben. So blieben musikalische Höhepunkte, Reisen, besondere Dirigenten und Solisten/innen in fester Erinnerung. Mit dem Eintritt in das Rentenalter wurden dann die Sammlungen dem Orchester überlassen.
Der Raum oberhalb des Orchesterprobenraums, in dem heute das Orchesterarchiv lagert.
Was wird darin gesammelt?
Bernd Strauß: Es wird alles gesammelt, was intern wie auch extern mit unserem Orchester zu tun hat. Anfangs noch Plakate und Programme, besondere Geschenke und Auszeichnungen, Schriftsätze mit Dirigenten, Solisten/innen und Behörden, später kamen Tonträger und Videos dazu.
Dietrich Hagel (links) und Bernd Strauß (rechts) mit einem Konzertplakat einer Konzertreise von Chor und Orchester mit Herbert Kegel nach Italien im Oktober 1973
Dietrich Hagel: Es wurde/wird eigentlich alles archiviert, was mit dem Orchester zu tun hat: angefangen mit sämtlichen Printmedien (Zeitungsartikel – Kritiken) , über LP’s, CD´s , DVD’s bis hin zur Korrespondenz mit Dirgenten u. Solisten; z. B. Dankesbriefe nach erfolgreichen Konzerten. Weiterhin haben wir viele orchesterinterne Dinge, wie Berichte und Foloalben von Orchesterbällen und -ausflügen, Fotoalben von Orchester-Tourneen der 60er – 90er Tahre , die von Kollegen selbst zusammengestellt wurden. Auch die offiziellen Orchester und Einzelsportait-Fotos aller Orchester-Kollegen., die ältesten aus den 20er Jahren, sind vorhanden, dazu ein umfangreicher Fotobestand mit Gastdirigenten, Solisten und Komponisten, die mit unserem Orchester gearbeitet haben. Natürlich sind auch sämtliche Programmhefte und Saisonhefte ab den 5Oer Jahren dabei. Und nicht zu vergessen die Gästebücher, in denen sich alle Gastdirigenten und Solisten mit ein paar Zeilen nach dem Konzert verewigen. Sie werden seit den 50er Jahren geführt und seit 35 Jahren von unserer Kollegin Barbara Hartmann betreut.
Dietrich Hagel mit einem Buch, in dem alle Musikerinnen und Musiker des MDR-Sinfonieorchesters in Einzelporträts festgehalten sind, die nach der Fusion mit der Radio Philharmonie Leipzig im August 1992 ins Orchester kamen. Das Buch wurde im September 2005 vom damaligen Archivar Johann Prokein abgeschlossen, da die letzte Seite erreicht war.
Was sind die ersten Archivarien?
Bernd Strauß: Auf jeden Fall sind das die Fotos aus unseren Anfangsjahren als Rundfunkorchester. Diese beeindrucken mich sehr.
Dietrich Hagel: Die ältesten Archivarien sind Programme von 1920, die sogar ziemlich gut erhalten sind. Daran sieht man, dass dieses Orchester (vor 1924 unter dem Namen „Leipziger Sinfonieorchester“) bereits vor der offiziellen Gründung als Rundfunksinfonieorchester existierte. Als Mitte der 20er Jahre gibt es auch interessante Artikel aus der damaligen Tageszeitung „Neue Leipziger Zeitung“, in denen es um die Bedeutung und den Status des neu gegründeten Orchesters in dieser Stadt geht , mit all den Fragen des Sponsoring und der Finanzierung, mit denen wir auch heute 100 Jahre später, immer wieder zu tun haben…
Die älteste Schellack-Platte mit Aufnahmen aus den späten 40ern (Brahms 2. Sinfonie unter H.Abendroth) ist von ca. 1960, die neueste CD von 2022 (Vaughan-Williams „A Sea Symphony“ mit Dennis Russell Davies). Auf CD sind in den 90ern dann noch Aufnahmen aus den 30er und 40er Jahren wiederveröffentlicht worden.
Wer pflegte dieses Archiv?
Bernd Strauß: Nach meinem Erkenntnisstand waren das die Vorstände des Orchesters. Bedeutende Sammlungen hinterließen z.B. Otto Hudatzky, 2.Vl (1925-57), Alfred Malige, 1.VL (1925-59) und Günter Angerhöfer, Fag.(1951-1992).
Seit wann seid ihr die Hüter des Archivs? Was war eure Motivation, euch dafür ehrenamtlich einzusetzen?
Dietrich Hagel: Ich selbst bin noch nicht sehr lange dabei. Da ich aber schon seit vielen Jahren privat immer mal den Archiv-Kollegen Zeitungsartikel und ähnliches Material zukommen ließ, fragte mich Bernd Strauss vor ca. 5 Jahren, ob ich nicht Lust hätte „richtig“/voll in die Archiv-Betreuung einzusteigen, da unser Archiv-Kollege Klaus Niemeier Rentner wurde. Das war dann kein großer Schritt mehr, da ich auch privat großes Interesse an Geschichte habe.
Bernd Strauß: Jahre zu zählen, empfinde ich als Last ! Das ging irgendwann einfach los. Ich habe meinem Vorgänger „ja“ gesagt, weil niemand das machen wollte. Leider mußte ich dann als Archivar feststellen, dass das Interesse für unsere Vergangenheit selten zu vermitteln ist. Heute gibt es kaum etwas, was gesammelt werden kann bzw. darf. Die rechtlichen Vorgaben im MDR bestimmen den Inhalt des Archivs. Eine digitale Unterstützung blieb bisher aus. So sinkt leider meine Motivation deutlich. Was nicht in das Handy zu transportieren geht, findet leider keine Beachtung mehr. Und genau das wird das Problem für unser Archiv in der Zukunft werden.
Etwa im Jahr 1989 erklärte ich mich bereit, für das Archiv des Rundfunksinfonieorchester Leipzig ehrenamtlich zu arbeiten. Ich übernahm dieses in einem ziemlich desolaten Zustand und versuchte nach eigenem Ermessen, Ordnung zu schaffen. Dabei waren mir Herr Eschenburg (damals Orchestervorstand) und Herr Thomasius, (damals Bratscher im Orchester, der sich sehr gut auskannte in der Computer-Technik) sehr behilflich. Das betraf u.a. Konzertprogramme ab Gründung des Orchesters 1924 bis 2004, Fotos, Kritiken, Recherchen über Orchestermitglieder, Dirigenten, Vorstände etc. Das Gästebuch, worin Gastdirigenten sowie Solistinnen und Solisten ihre Verbundenheit mit dem Orchester ausdrückten, lag mir sehr am Herzen (z.Bsp. Übersetzungen in russischer, polnischer und anderer Sprachen). Ein Fotoalbum, welches nach dem 2. Weltkrieg angefertigt wurde, war lückenhaft vorhanden. Dieses vervollständigte ich, so gut ich konnte und legte auch ein neues mit den derzeitigen Orchestermitgliedern an. Ich habe diese Arbeit immer mit viel Engagement und Liebe zum Orchester getan. (Johann Prokein)
Vielen Dank allen Beteiligten für das Zusammentragen dieser Archivgeschichten. Wir würden uns sehr freuen, wenn in dieser besonderen Spielzeit immer mal ein kleiner Archivschnipsel samt Geschichte dahinter hier bei uns im Blog auftauchen würde.
Im Alter der Digitalisierung finde finde ich (Susanne Schneider) es sehr bemerkenswert, dass der erste Archivar Alfred Malige persönliche Aufzeichnungen zur Orchestergeschichte hinterließ und dem Orchester zur Verfügung stellte. Heute tauchen ja viele kleine Schnipsel in den verschiedensten digitalen Netzwerken auf (als Instagrambeiträge, in den nur 24 Stunden sichtbaren Stories, als Tweets oder neuerdings als Tröts bei Mastodon). Ob sie jemals wieder einzufangen und zusammenzutragen sind? Interessant sind sie allemal, denn sie spiegeln oft sehr persönliche Wahrnehmungen der Musiker:innen wieder. Vielleicht eine Aufgabe für die digitalisierte Zukunft und die nächsten 100 Jahre?
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